|
Die Person Albert Einstein fasziniert zunächst durch
das Wunder an Genialität, aber auch durch ihre Lebendigkeit
und Natürlichkeit, durch ihre Spontaneität und innere Unabhängigkeit.
Davon ist viel auf einem der bekanntesten Fotos von ihm
zu erkennen: Das Foto mit der herausgestreckten Zunge. Einstein
hat es 1951 als Geburtstagsgruß an alle seine Freunde verschickt.
Gleicher Übermut spricht aus einem Brief von 1913 an seine
spätere zweite Frau Elsa: "Ich habe mir fest vorgenommen,
mit einem Minimum medizinischer Hilfe ins Gras zu beißen,
wenn mein Stündlein gekommen ist, bis dahin aber drauf los
zu sündigen, wie es mir meine ruchlose Seele eingibt: Rauchen
wie ein Schlot, Arbeiten wie ein Roß, Essen ohne Überlegung
und Auswahl, Spazierengehen wirklich nur in angenehmer Gesellschaft."
Professorales Gehabe war ihm fremd. Die ihn unvermeidlich
umgebende Aura entrückter Autorität neutralisierte er durch
spöttische Distanz zu sich selbst. Von Kindheit an besaß
er die Fähigkeit, sich zu wundern, wo andere keinen Grund
dazu sahen. Aus der verblüffenden Frage des 17jährigen:
Was würde geschehen, wenn ich hinter einem Lichtstrahl hereilen
und ihn schließlich einholen würde? wird zehn Jahre später
eine revolutionäre Erkenntnis. An einen Kollegen schrieb
er:
"Wenn ich mich frage, woher es kommt, daß gerade
ich die Relativitätstheorie gefunden habe, so scheint
es an folgendem Umstand zu liegen: Der normale Mensch
denkt nicht über Raum-Zeit-Probleme nach. Alles, was
darüber nachzudenken ist, hat er nach seiner Meinung
bereits in der frühen Kindheit getan. Ich dagegen habe
mich derart langsam entwickelt, daß ich erst anfing,
mich über Raum und Zeit zu wundern, als ich bereits
erwachsen war. Naturgemäß bin ich dann tiefer in die
Problematik eingedrungen, als ein gewöhnliches Kind."
|
Die Relativitätstheorie war eine geniale Kopfgeburt.
Auch wenn Einstein Empiriker war, d.h. sein ganzes Denken
auf die Erfahrung gründete, so wandte er sich doch nicht
der Experimentalphsyik zu, sondern der theoretischen Physik.
Sein spekulatives Interesse war von Jugend an größer als
sein praktisches. Deswegen darf man sich Einstein auch nicht
mit weißem Kittel im Labor vorstellen, wie er Schalter bewegt
und Tabellen abliest. "Das Interesse für Naturwissenschaften
beschränkte sich [für mich] immer auf das Prinzipielle",
d.h. auf eine Theorie, auf ein Gesetz. Für diese Arbeit
reichte meistens sein häusliches Arbeitszimmer, reichten
einige Blätter Schmierpapier. Einstein kannte keine Zweifel
an der schlüssig entwickelten Theorie. Als er 1921 die Nachricht
von einem Experiment erhielt, dessen Ergebnis seiner Theorie
widersprach (es erwies sich später als falsch), ließ er
sich nicht beirren: Raffiniert ist der Herrgott, aber boshaft
ist er nicht.

|
|