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Zur Geschichte der Schule

Wie Hameln zu seinem "dritten" Gymnasium kam

1 Durchblättert man die DWZ, so stößt man zum ersten Male im Januar 1965 auf die Schlagzeile: "Hameln braucht ein weiteres Gymnasium!" (DWZ vom 22. 1. 1965).

Hameln besaß traditionell zwei Gymnasien, das Gymnasium für Jungen (Schiller-Gymnasium), das einen altsprachlichen und einen mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig hatte, und das neusprachliche Mädchengymnasium (die Viktoria-Luise-Schule). Beide Schulen wurden dreizügig geführt. Eine Aufnahmeprüfung bzw. Probeunterricht begrenzten den Zugang. Es war die Zeit, als Koedukation und Sexualkundeunterricht Fremdwörter waren. Jetzt - im Jahre 1965 - werden die Klassenfrequenzen herabgesetzt (von 40 auf 35 in den Klassen 5 - 10), der Probeunterricht fällt weg, und nun fehlen Räume und Lehrer. -

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3 Die Überalterung der Lehrer wird beklagt ("Jeder dritte Lehrer über fünfzig"), noch schlimmer aber drückt der Lehrermangel. Die geburtenstarken Jahrgänge 1961 und 1962 werden die Situation noch verschärfen. Es ist erstaunlich zu sehen, wie stark damals die Diskussion um die Bildungspolitik die Schlagzeilen beherrscht. Das Bewußtsein, "Bildungsförderung mit allen verfügbaren Mitteln" sei gefordert, beherrscht damals nicht nur die Politiker in Bonn und Hannover, sondern auch die Diskussion vor Ort in Hameln. Am 3. Juni 1966 ist das Thema eines neuen Gymnasiums zum ersten Mal Gegenstand einer Ratssitzung. Die SPD-Fraktion bringt einen Dringlichkeitsantrag ein, der die Bildung eines Zweckverbandes gemeinsam mit dem Landkreis "zur

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Nur durch diese Entlastung "ist es der Stadt möglich, in Kürze ein weiteres Gymnasium zu errichten und zu erhalten", heißt es in der Ratsvorlage. Laut Oberstadtdirektor Dr. Storck soll in etwa vier Jahren das neue Gymnasium "stehen". "Es wird ... eine Anstalt für Jungen und Mädchen, also nach dem Prinzip der Koedukation, sein und den modernen Erkenntnissen voll entsprechen" (Hamelner Presse vom 23./24. 3. 1968).

Die Realisierung verläuft dann jedoch recht schleppend. Währenddessen spitzt sich die Situation an den Gymnasien weiter zu. Raum- und Lehrermangel zwingen das Schiller-Gymnasium dazu, den Unterricht auf 22 bis 23 Wochenstunden pro Klasse zu begrenzen, manche Klasse wird nur an vier Tagen in der Woche unterrichtet. Im Februar 1970 treten drei Klassen am Schillergymnasium in einen mehrtägigen Streik und demonstrieren in der Osterstraße gegen die Raumnot. 

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Das neue Gymnasium, das im "Schulzentrum Nord" in der Nachbarschaft der Sertürnerschule entstehen soll, werde aber ohne große bauliche Veränderungen neuen pädagogischen Konzepten gerecht werden können (DWZ vom 25. 10. 1969). Die Wände des Baues sollen flexibel sein, "es soll die Möglichkeit für das sogenannte Team-Teaching ebenso offenbleiben wie für die Gesamtschule und die Ganztagsschule." Gewiß ist nur, daß es sich um eine Koedukationsschule handeln wird (HP vom 30. 10. 1969). Bereits zu Beginn des Schuljahres 1971/72 sollen die 5. und eventuell auch die 6. Klassen einziehen können.

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Der Beitrag des Hannoverschen Architekten Leonhardt wird mit der Begründung auf den ersten Platz gesetzt, daß der Entwurf des Baukörpers "sehr kompakt" und das Innere des Baues "sehr variabel" sei. Man wisse ja heute noch nicht, zu welchem Schulsystem man schließlich kommen werde.

Der Bau soll einen Kostenaufwand von 14,5 Millionen DM erfordern. Aus finanziellen Gründen ist es der Stadt nicht möglich, die Schule in einem Zuge zu errichten. Eine Aufteilung in mehrere Bauabschnitte wird nötig. Im ersten Bauabschnitt in Höhe von 8,7 Millionen DM sollen 16 Klassenräume und die entsprechenden Fachräume errichtet werden. Die übrigen Fachräume und die restlichen zwölf Klassenräume sollen zunächst im Rohbau erstellt werden, aber nicht ausgebaut werden.

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Eltern künftiger Schüler, die im Juni beklagen, "daß es für dieses seit Jahren vorbereitete Gymnasium ein pädagogisches Konzept nicht gibt" und daß zwei Monate vor dem Unterrichtsbeginn nicht einmal der Name des künftigen Schulleiters feststehe (DWZ vom 21. 6. 1972), antwortet Stadtdirektor Groß mit dem Hinweis, es dürfte "dem ab Schuljahrsbeginn tätigen Kollegium nicht schwerfallen, aus der Praxis heraus auch eine theoretische Konzeption zu erarbeiten" (DWZ vom 7. 7. 1972).

 

 

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2 Es sollten fast acht Jahre ins Land gehen, bis die Forderung nach der Errichtung eines neuen Gymnasiums in Hameln in Erfüllung ging. Der Weg, der bis dahin zurückgelegt werden mußte, sei hier kurz nachgezeichnet. Es ist die Zeit, in der das Wort vom "Bildungsnotstand" in aller Munde ist. Alle gesellschaftlichen Gruppen, alle Parteien sind sich einig darin, daß Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern viel zu wenig Abiturienten habe und alle Anstrengungen unternehmen müsse, um einer "Bildungskatastrophe" zu entgehen. Das bisher strikt abgeschottete dreigliedrige Schulsystem müsse "durchlässig" werden, an "Volksschulen" das 9., gar das 10. Schuljahr eingeführt werden, eine zweijährige Förderstufe eingerichtet, auf dem Lande "Mittelpunktschulen" gebaut werden, um durch "Aufbietung aller Bildungsreserven" die Abiturientenzahlen zu steigern.

4 Errichtung eines weiteren, und zwar neusprachlichen Gymnasiums für Jungen und Mädchen" zum Ziel hat. Während die "Vikilu" damals die ersten Wanderklassen einrichtet und das Schillergymnasium gar über die Einführung von  Schichtunterricht diskutiert, gibt es an den Hamelner "Volks- und Mittelschulen" katastrophale Engpässe. Ihr Ausbau ist vorrangig. Der Antrag auf den Bau eines neuen Gymnasiums bleibt zwei Jahre lang unerledigt liegen. Die Basberg-Schule, die Klüt-Schule, die Schule Königstraße sowie die Sertürner-Realschule entstehen in diesen Jahren, die Vikilu erhält ihren Zwischenbau - eine gewaltige Leistung der Stadt. Im Jahre 1968 werden dann die Weichen für den Neubau gestellt. Auf der Ratssitzung am 22. März 1968 wird beschlossen, die bisher städtischen Berufsschulen dem Landkreis zu übergeben.

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Im Jahre 1971 sind die beiden Gymnasien der Stadt mit jeweils 1300 Schülerinnen und Schülern völlig überfüllt. Der Kreistag fordert von der Stadt Hameln "angesichts der unhaltbaren Zustände an den Hamelner Gymnasien ..., endlich einmal klare Aussagen über die Terminierung des Baus eines weiteren Gymnasiums" zu machen (HP vom 1. 10. 1969).

Die Stadt weist die Kritik zurück. Der Schulausschuß des Rates habe intensiv gearbeitet. Die pädagogische und die bauliche Konzeption habe man allerdings trennen müssen, sich notgedrungen nur mit dem Raumprogramm befaßt, "weil bei der Unsicherheit des gesamten pädagogischen Lebens in der Bundesrepublik langatmige Diskussionen nur gestört hätten" (HP 4. 10. 1969).

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Es wird doch ein Jahr länger dauern. Am 14. November 1969 billigt der Hamelner Rat das Raumprogramm, gibt damit den Weg frei für den Neubau und beschließt zugleich die Durchführung eines begrenzten Architektenwettbewerbs.

Bei der knapp ein Jahr später am 17. September 1970 unter starkem Publikumsandrang stattfindenden Ratssitzung stimmen alle Fraktionen einmütig für den folgenden Beschluß:

"Die Stadt Hameln errichtet ein vierzügiges, in der Oberstufe fünfzügiges Gymnasium in Koedukation mit mathematisch-naturwissenschaftlichen und neusprachlichen Zweigen. Dieses Gymnasium wird mit den bestehenden Schulen Sertürner-Realschule und Pestalozzi-Hauptschule zum Schulzentrum Nord verbunden. Sobald die Voraussetzungen erfüllt sind, soll an diesem Schulzentrum ein Schulversuch Ganztagsschule betrieben werden und die 5. und 6. Klassen zu einem Schulversuch Orientierungsstufe zusammengefaßt werden."

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Die für die Einrichtung einer Ganztagsschule nötigen Bauteile, aber auch der Verwaltungstrakt werden zurückgestellt. Der endgültige Ausbau soll aber "bis spätestens 1975 ... geschafft sein" (DWZ vom 2. 11. 1971).

Mit den Worten "Möge in diesem Hause immer eine freie Lehre im Sinne unserer demokratischen Grundsätze gewährleistet sein" legt dann Oberbürgermeister Leunig am 23. 11. 1971 den Grundstein für das neue "dritte" Gymnasium. Die Zeit ist knapp. Bereits in zehn Monaten, zum Schuljahrsbeginn 1972, werden die ersten Schüler einziehen.

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Als mit Schuljahrsbeginn 1972/73 tatsächlich für fünf fünfte Klassen der Unterricht am dritten Gymnasium beginnt, ist das Gebäude noch weitgehend Baustelle. Für die ersten Tage muß der Unterricht in der Sertürner-Realschule stattfinden.

In seiner Rede anläßlich der Einweihung "des ersten Bauabschnittes des dritten Gymnasiums im Schulzentrum Nord" am 6. Oktober 1972 sagt Oberbürgermeister Leunig: "Hier wurde eisern gespart. ... Bisher reicht das Geld nur bis Herbst 1973, weiter nicht." Die Schule sei aber so konstruiert, daß es jederzeit möglich sei, sie durch eine Ergänzung zur Ganztagsschule zu erweitern. - Auf ihre "Fertigstellung" wird die Schule vierundzwanzig Jahre warten müssen.
 

OStR a.D. Bernhard Gelderblom

 

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