Das Fach Deutsch am Albert-Einstein-Gymnasium
Förderung der deutschen Sprache
„Wir müssen die Sprache des Nachbarn sprechen!“
Interview mit Hervé Durand, unserem
Hospitationslehrer aus Rochefort-sur-Mer (Frankreich,
Département Charente-Maritime)
AEG: Monsieur Durand, wie kommt es dazu, dass Sie
im Februar 2011 für zwei Wochen in einer deutschen
Schule zu Gast sind?
Hervé Durand: Ich unterrichte
seit ca. 18 Jahren das Fach Histoire-Géographie in
Rochefort-sur-Mer. Seit einigen Monaten habe ich die
Aufgabe, am dortigen Gymnasium bilingualen Unterricht zu
erteilen, d. h. der Unterricht findet auf Deutsch statt.
Um meine fachsprachlichen Kenntnisse zu verbessern und
um das deutsche Schulsystem noch besser kennenzulernen,
suchte ich nach einer Möglichkeit, ein Praktikum an
einer deutschen Schule zu machen, und fand ein Angebot
einer Agentur des französischen Bildungsministeriums
(CIEP). So habe ich nun die Gelegenheit, zwei Wochen am
Albert-Einstein-Gymnasium zu verbringen.
AEG: Wie
nutzen Sie Ihre Zeit in Deutschland?
Hervé Durand: Ich
gehe täglich in die Schule, um Unterricht in
verschiedenen Fächern zu besuchen: Geschichte, Erdkunde,
Französisch und Deutsch in unterschiedlichen Jahrgängen.
Manchmal hospitiere ich, manchmal nehme ich auch am
Unterrichtsgespräch teil. So besuchte ich z. B. den
Unterricht in einem Geschichtskurs in Klasse 11 (Frau
Herrmann, Thema: Humanismus in Europa) und besprach mit
den Schüler(inne)n einen französischen Text. Außerdem
war ich in dem Deutschkurs De4b zu Gast. Wir sprachen
dort über die Bedeutung der deutschen Sprache in
Frankreich, was ich persönlich sehr anregend fand. Die
Fragen der Schüler(innen) waren ausgesprochen
interessant. Ich versuchte zu verdeutlichen, dass wir
Franzosen unsere Muttersprache sehr schätzen. Viele
Franzosen sagen sogar, dass sie eine „Liebesgeschichte“
mit ihrer Sprache haben. Wir diskutieren in Frankreich
häufig die folgende Frage: „Was bedeutet es, Franzose zu
sein?“ Meine persönliche Antwort lautet: Wir sind
Franzosen, nicht weil wir dieselbe Hautfarbe oder
Religion haben, sondern weil wir eine gemeinsame Sprache
sprechen und zusammenleben wollen. Wir sprachen auch
darüber, was wir Franzosen unternehmen, um unsere
Muttersprache zu pflegen. Die deutschen Schüler lachten,
als sie hörten, dass wir versuchen, für englische
Wörter, die in unsere Sprache eindringen, passende
französische Wörter zu finden. Die deutsche Sprache ist
gegenüber fremdsprachlichen Einflüssen offener. Dennoch
bin ich - der ich Deutschland und die deutsche Sprache
sehr mag - erstaunt zu sehen, wie stark diese Sprache
inzwischen von der englischen Sprache geprägt ist.
Ich
nutze die Zeit am Albert-Einstein-Gymnasium auch, um
Unterrichtsmaterial für meinen bilingualen Unterricht zu
finden. Es ist in Frankreich nämlich sehr schwierig, an
passende Texte in deutscher Sprache für das Fach
Histoire-Géographie zu gelangen.
AEG: Wie erleben Sie
den Unterricht am Albert-Einstein-Gymnasium?

Hervé
Durand: Die Klassen in den höheren Jahrgängen des
Gymnasiums (9.-11. Klasse) sind in Frankreich deutlich
größer als hier. Deshalb haben wir weniger Gelegenheit,
mit unseren Schüler(inne)n zu sprechen. Außerdem ist
unser System nach wie vor sehr streng. Die
Unterrichtsstunden verlaufen hier lebendiger als in
Frankreich, es finden viel mehr
Schüler-Schüler-Gespräche statt. Bei uns leiten die
Lehrkräfte stets die Unterrichtsgespräche. Allerdings
muss ich einräumen, dass das Schreiben in französischen
Schulen eine größere Bedeutung als die mündliche
Beteiligung hat. Bei uns wird einfach viel mehr
geschrieben, und zwar nicht in Stichworten, sondern in
vollständigen Sätzen. Ich muss sagen, dass die
französischen Schüler(innen) in ihrer Muttersprache
besser schreiben als die Deutschen, diese hingegen
sprechen viel freier vor einer größeren Gruppe, gehen in
Diskussionen aufeinander ein und führen gute Gespräche -
das beeindruckt mich sehr. Meines Erachtens hat das Wort
in Deutschland großes Gewicht - die Deutschen
diskutieren stets und versuchen, Kompromisse zu finden.
In Frankreich findet dieses meiner Meinung nach stärker
im Bereich des Schriftlichen statt.
Im
Französischunterricht bemerke ich hier am
Albert-Einstein-Gymnasium, dass die Schülerinnen und
Schüler unbefangen in der fremden Sprache sprechen - das
gefällt mir. Auch das Niveau, auf dem z. B. in den
Französisch-Kursen, die ich besuche, gesprochen wird,
beeindruckt mich. Insgesamt erlebe ich den Unterricht
hier als etwas gelassener und ungezwungener als in
Frankreich, wo die Schüler(innen) mitunter sehr
gestresst sind, u. a. weil sie sehr viel Zeit in der
Schule verbringen und nur wenig Freizeit haben.
AEG:
Welchen Eindruck vermitteln Schule, Schülerschaft und
Kollegium?

Hervé Durand: Ich bin hier sehr nett
empfangen worden. Alle Kolleginnen und Kollegen sind
sehr aufgeschlossen und antworten stets sehr freundlich,
wenn ich eine Frage habe. So kann ich auch erleben, wie
die Lehrkräfte den Unterricht vorbereiten. Ich habe an
einer Französisch-Fachkonferenz teilgenommen. Wir haben
überlegt, ob die Möglichkeit besteht, einen intensiveren
Kontakt mit meiner Schule in Rochefort-sur-Mer
aufzubauen. Das würde ich sehr begrüßen. Das
Schulgebäude des Albert-Einstein-Gymnasium gefällt mir
gut. Die Klassenräume, die Flure und Pausenhallen sind
großzügig. Besonders angenehm finde ich, dass man hier
offensichtlich auch an den Lärmschutz denkt: Es ist
nicht so laut wie bei uns. Auch dass die Schule geöffnet
ist, man immer ein- und ausgehen kann, empfinde ich als
sehr angenehm. In den französischen Schulen finden mehr
und mehr Kontrollen an den Schultoren statt, um die
Schule vor ungebetenen Gästen zu schützen, was dazu
beiträgt, dass die Schulen ein wenig wie isolierte
Inseln wirken. Diese Offenheit, die ich hier erlebe,
entspricht eher meinen Vorstellungen. Oftmals wird der
deutsche Bürokratismus, der auch in den Schulen
herrscht, beklagt und belächelt, doch ich habe
festgestellt, dass es bei uns in Frankreich mindestens
ebenso, wenn nicht sogar noch komplizierter ist, z. B.
eine Exkursion mit Schülern zu planen. Dass Schulen
Kontakt zur „Außenwelt“ pflegen, finde ich sehr wichtig.
Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland gibt es
viel Streit um bildungspolitische Themen. Meiner Meinung
nach sollten wir uns viel mehr über die Erfahrungen mit
unseren jeweiligen Systemen austauschen. So ließe sich
manche Fehlentwicklung vermeiden. Es wäre z. B.
hilfreich, die Franzosen einmal nach ihren Erfahrungen
mit dem Gesamtschulsystem zu befragen!
AEG: Bitte
berichten Sie über die Möglichkeiten, an Ihrer Schule in
Rochefort-sur-Mer Deutsch zu lernen bzw. sich mit
Deutschland zu beschäftigen!
Hervé Durand: Vor einigen
Jahren war die deutsche Sprache in Frankreich und auch
in den Schulen in Rochefort-sur-Mer stark in Gefahr. Die
Deutschlehrer hatten fast keine Schüler mehr. Die
deutsche Sprache wurde mehr und mehr als Sprache der
Elite betrachtet. Es existiert bei uns nach wie vor das
Vorurteil, die diese Sprache sei sehr schwierig, weil
sie keine romanische Sprache ist. Heute können die
Schüler(innen) ab der 6. Klasse zugleich Englisch und
Deutsch lernen. Das ist ein Zeichen dafür, dass das
Bildungsministerium Anstrengungen unternimmt, um die
deutsche Sprache in Frankreich zu stärken und die
bilateralen Beziehungen zu pflegen.
Wie werbe ich für
die deutsche Sprache? Ich erkläre meinen Schüler(innen),
dass es wichtig ist, die Sprache der größten
Wirtschaftsmacht in Europa zu erlernen. Deutschland
liegt seit der Öffnung des Ostens wieder in der Mitte
Europas. Die Franzosen wenden häufig ein, dass die
Deutschen doch Englisch sprächen und man sich also auf
Englisch verständigen könne. Ja, für den ersten Kontakt
ist das eine gute Möglichkeit, aber um sich gegenseitig
wirklich kennen und schätzen zu lernen, müssen wir die
Sprache des Nachbarn sprechen!
AEG: Monsieur Durand,
wir danken Ihnen für das interessante und anregende
Gespräch! Ihr Besuch bereichert uns sehr! Wir wünschen
Ihnen weiterhin alles Gute und hoffen, dass wir unseren
Kontakt in der Zukunft pflegen und ausbauen können!
Autorin: Bettina Tovar-Luthin

" 'quatschen' – 'tratschen' – 'quasi' - nun weiß
ich, was die Deutschen damit meinen!"
Interview mit Jelena Kostikowa aus St.
Petersburg, Hospitationslehrerin am
Albert-Einstein-Gymnasium
AEG:
Frau
Kostikowa, wie kommt es dazu, dass Sie im November 2008
für drei Wochen
Gast in einer deutschen Schule sein können?
Jelena Kostikowa:
Ich nehme an einem Hospitationsprogramm für
Deutschlehrer(innen) im Ausland teil. Dieses Programm
wird vom Pädagogischen Austauschdienst der
Kultusministerien der Länder durchgeführt. Da ich an
einer Schule mit Schwerpunkt Deutsch (Schule 605 in St.
Petersburg) arbeite, war das Angebot, an diesem Programm
teilzunehmen, für uns sehr interessant. Die Schulleitung
hat mich als Teilnehmerin vorgeschlagen und ich habe
glücklicherweise einen Platz bekommen.
AEG.:
Bitte berichten
Sie über die Möglichkeiten, an Ihrer Schule in St.
Petersburg Deutsch zu lernen!
Jelena Kostikowa:
Ich unterrichte in unserer Schule Deutsch als
Fremdsprache von der ersten bis zur elften Klasse. Nach
der 11. Klasse machen die Schüler(innen) bei uns den
Schulabschluss, der ihnen den Zugang zur Universität
ermöglicht. Deutsch lernen die Kinder an unserer Schule
als erste Fremdsprache. Englisch ist die zweite
Fremdsprache, damit beginnen sie in der 7. Klasse. Ab
der 9. Klasse haben die Schüler(innen) auch Unterricht
in den Fächern „Deutsche Geschichte“ und „Deutsche
Kultur und Literatur“. Außerdem eignen sie sich in einem
speziellen Fach auch die Geschichte der Stadt St.
Petersburg in deutscher Sprache an, so dass sie später
Stadtführungen auf Deutsch durchführen können. Am Ende
ihrer Schulzeit können die Schüler(innen) die Prüfungen
für das Deutsche Sprachdiplom bei uns ablegen.
AEG:
Wie sind die
Arbeitsbedingungen für Lehrer in St. Petersburg?
Jelena Kostikowa:
Der Unterricht beginnt um 9.00 Uhr und endet für die
meisten Schüler um 14.40 Uhr. An unserer Schule findet
samstags auch Unterricht statt. Nach Unterrichtsschluss
müssen die Lehrer(innen) schriftliche Arbeiten
korrigieren, ihren Unterricht vorbereiten und die
Leistungen aller Schüler sehr genau dokumentieren. Da
viele Lehrer(innen) ihren eigenen Unterrichtsraum haben,
können wir diese Arbeiten auch in der Schule erledigen.
Ferien haben wir Lehrkräfte nur im Sommer. In den
übrigen Schulferien müssen wir in der Regel in der
Schule sein und dort Unterricht vorbereiten, Räume
gestalten, Konferenzen durchführen und Fortbildungen
besuchen. Eine Lehrkraft muss 18 Unterrichtsstunden pro
Woche erteilen und verdient etwa ein Zehntel dessen, was
ein Lehrer in Deutschland verdient. Dabei muss man
bedenken, dass die Lebenshaltungskosten in Russland so
hoch sind, dass man von dem Gehalt eines Lehrers keine
Familie ernähren kann. Viele Lebensmittel kosten bei uns
so viel wie in Deutschland, manches ist sogar teurer.
AEG:
Wie nutzen Sie
Ihre Zeit in Deutschland?
Jelena Kostikowa:
Vormittags hospitiere ich im Unterricht, dabei besuche
ich vorrangig den Deutschunterricht. Dabei ist es für
mich besonders interessant, die Unterrichtsmethoden, die
hier angewendet werden, kennenzulernen. Mir fällt auf,
dass die Schüler(innen) hier viel stärker als bei uns
dazu angehalten werden, ihre eigenen und die Leistungen
ihrer Mitschüler zu beurteilen. Dass die Schüler(innen)
zum Beispiel offen darüber diskutieren, was an dem Text
eines Mitschülers gelungen oder weniger gelungen ist,
ist bei uns so nicht üblich. Wir geben viel häufiger
Noten, z. B. für Hausaufgaben oder für mündliche
Unterrichtsbeiträge.
In drei Lerngruppen hatte ich
bislang Gelegenheit, etwas über meine Heimatstadt und
das Leben dort zu erzählen und die vielen interessierten
Fragen der deutschen Schüler(innen) zu beantworten.
Nachmittags unternehme ich sehr
viel. Zum Beispiel hat Herr Blumenstein eine sehr
interessante Stadtführung in Hameln mit mir gemacht. Mit
Frau Schröder-Brautlecht unternahm ich einen Ausflug
nach Hannover, Frau Schroeder zeigte mir das Stift in
Fischbeck und besuchte mit mir ein Konzert, mit Frau
Kunkel fuhr ich zur Hämelschenburg und nach Bad Pyrmont.
Außerdem traf ich
einige Lehrkräfte beim Lehrerstammtisch - das war sehr
interessant für mich. Die recht hohe Anzahl männlicher
Lehrkräfte an der Schule erstaunt mich, bei uns gibt es
fast nur Lehrerinnen.
Zwei Tage verbrachte ich mit den 5.
Klassen in der Jugendherberge Silberborn. So etwas gibt
es bei uns gar nicht! Die vielen Aktivitäten zur
Entwicklung der Teamfähigkeit haben mir sehr gefallen.
Das Spannendste war die Nachtwanderung, die wir mit 90
Kindern bei
Vollmond ins Moor unternahmen!
Da ich bei Familie Luthin wohne,
lerne ich auch das Alltagsleben einer deutschen Familie
kennen. Mit ihnen fuhr ich an einem Wochenende nach
Berlin. Die Hauptstadt Deutschlands kennenzulernen, war
für mich ein besonderes Erlebnis. Ich habe tolle Fotos
gemacht, die ich meinen Schüler(inne)n in St. Petersburg
zeigen werde. Erwähnen möchte ich auch die schönen
Abende in meiner Gastfamilie, denn dort sprechen wir
sehr viel über das Leben in Deutschland und in Russland.
AEG:
Wie beurteilen Sie
insgesamt Ihren Besuch hier in Hameln?
Jelena Kostikowa:
Die Teilnahme an dem Hospitationsprogramm bringt mir
sehr viel. Ich lerne allerhand sehr verbreitete, auch
moderne Wörter und Redewendungen, die ich bisher in
keinem Lehrbuch gefunden habe. Ich kann meinen
Schüler(inne)n jetzt viel Aktuelles aus Deutschland
erzählen. Für unseren Deutschunterricht habe ich
Anregungen und auch sehr viel geeignetes Material
bekommen.
Ich möchte mich bei allen
Lehrer(inne)n, die mich hier betreuen und natürlich
besonders bei Familie Luthin, bei der ich mich wie zu
Hause fühlen kann, ganz
herzlich bedanken.


Hospitation im Deutschunterricht der Klasse 5Lc
Autor: M. J.

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