|
|
Das Fach Deutsch am Albert-Einstein-Gymnasium
Aus dem Unterricht
|
„Sprachwandel“
oder „Sprachverfall“?
Während die meisten Linguisten
die sprachlichen Veränderungen, die
gegenwärtig in der deutschen Sprache
zu beobachten sind, recht gelassen
sehen, finden namhafte
Sprachkritiker in der Öffentlichkeit
viel Zustimmung. Mit dem
thematischen Schwerpunkt „Deutsche
Sprache der Gegenwart“, der in allen
Deutsch-Kursen an niedersächsischen
Gymnasien verbindlich im
1. Halbjahr
des Schuljahres 2009/10 zu
unterrichten war, setzte das
niedersächsische Kultusministerium
(endlich!) einen deutlichen Akzent
im Hinblick auf die Förderung des
Sprachbewusstseins in der
Muttersprache.
Die nachstehenden Sprachglossen
verfassten Schülerinnen und Schüler
des Kurses DeEa (Doppeljahrgang) im
Anschluss an ihre Auseinandersetzung
mit Tendenzen der deutschen
Gegenwartssprache.
Bettina Tovar-Luthin
|
Alles ganz
relaxed
„If you doubt, leave
it out!“, den Spruch hatte ich
schon in der siebten Klasse ganz
schnell gecheckt. Solche
Grammatikregeln sind at last echt
easy zu remembern. Im Englischen
werden Kommas im Zweifelsfall
nämlich einfach weggelassen. Was
spricht also dagegen, diese und
andere coole Grammatikregeln aus dem
Englischen zu übernehmen? Wer steigt
denn schließlich durch den
Apostrophregelwirrwarr aus dem
Duden? Da werden halt Kommas und
Apostrophe einfach mal ganz relaxed
just for fun irgendwo gesetzt.
Doch nicht nur in der
Grammatik hilft uns das Englische
enorm, Zeit und Denkaufwand zu
sparen, auch bei der Wortwahl wird
es prefered. Wer begrüßt sich denn
schon mit
„Hallo“, wenn man mit
„Hi“
doch ganze drei Buchstaben einsparen
kann. I mean, what a waste of time!
Und mal ganz abgesehen davon,
wer sich heutzutage noch die Mühe
macht, sich an viersilbigen Wörtern
zu versuchen, ist voll snobby. Mal
ehrlich, jemand der „Entschuldigung“
statt „sorry“ oder „Einverstanden“
statt „Okay“ sagt, will doch nur
cool sein und fachlich kompetent
wirken.
Unverbesserliche meinen, man
solle die deutsche Sprache erhalten
und lieber „Mitschriften“ zu
„Handouts“ und „Klapprechner“ statt
„Laptop“ sagen. Doch da man ein
Handout nicht mitschreibt und „Klapprechner“ laut Wörterbuch
umgangssprachlich ist, ist es ja
wohl clear, dass dies nicht der
richtige Weg zur Verbesserung der
Sprache ist.
Bus Stop, Meeting, Coffee to
go, Big Mac, Match, alles einfache
klare Worte, bei denen jeder sofort
knows, was fact ist. Wer möchte
allen Ernstes Autoschlosser sein,
wenn er mit dem gleichen Aufwand
Mechatronicer werden kann, wer
Personalsachbearbeiter, wenn er
People Manager genannt werden kann,
wer studiert schon Landwirtschaft,
wenn er den Master of Agriculture in
der gleichen Zeit erwerben kann?
„Das Date mit dem Executiv
Manager ist gecancelled, wir machen
das Clearing later!“, hörte ich
kürzlich jemanden aus der working
class sagen. Das ist doch mal ein
Statement. Wie unbeholfen kommt die
deutsche Sprache daher, hätte er
gesagt (was natürlich in
Wirklichkeit nie passiert wäre):
„Der
Besprechungstermin mit dem
Abteilungsleiter ist abgesagt und
wird später nachgeholt“.
Immer wieder heißt es, die
Deutschen seien voll die Cheater,
weil sie sich so ein paar words aus
dem Englischen geklaut hätten: aber
ich hab’ das mal gecheckt: Ist Handy
vielleicht geklaut? Oder Oldtimer
oder Smoking oder Showmaster?
Hometrainer vielleicht? Nein! Nicht
mal Beamer! Das alles ist deutsche
Kreativität - wir sind multitalkingfähig!
Also liebe Sprachkritiker,
don’t panic, es
ist alles ganz relaxed!
Beeke-Alina Bernhard
„Ä Tännschen,
please!“
Erweckt man mit
diesem Satz bei einem Engländer bloß
Aufmerksamkeit, so bekommt man in
Sachsen gleich eine ganze Tanne in
die Hand gedrückt.
Auch in der Weihnachtszeit
haben wir Deutschen es nicht leicht,
die Vielzahl an englischen
Begriffen, die sogar schon den
Wunschzettel bevölkern, korrekt zu
übersetzen: Die Mutti wünscht sich
einen Relax-Kurztrip in ein
Wellnesshotel, wo man sie mit
Body-Balance-Wellnessmassagen
verwöhnt, Papi möchte einmal bei
einem Survival-Training mitmachen
und das Töchterchen wünscht sich
einen Laptop, ein iPhone und, wenn
das nicht zu viel verlangt ist, auch
noch eine Hello-Kitty-Tasche.
Die englischen Begriffe
klingen modern, innovativ und
fortschrittlich - das wissen auch
die Unternehmen und werfen mit
englischen „Slogans“ nur so um sich.
Dass das Verständnis dabei oft zu
kurz kommt, und somit auch der Sinn
der eigentlichen Botschaft, scheint
ihnen herzlich egal zu sein. So
titelte die Autofirma Mitsubishi
2003 mit ihrem Werbeslogan „Drive Alive“, zu Deutsch
„Lebendiges
Fahren“; allerdings sahen die
Verbraucher die Lage etwas
pessimistischer und übersetzten mit
„Überlebe die Fahrt“. Auch die
Esso-Tankstellen wollten dem
Konsumenten mit einem Werbespruch
„Wer are drivers, too“ („Wir sind
auch Autofahrer“) eigentlich nur
Gutes tun, doch dieser Gedanke ging
an knapp 30 % der Autofahrer
schlichtweg vorbei, da sie mit
„Wir
sind zwei Fahrer“ übersetzten.
Stellt man sich da als
realistischer Mensch nicht die
Frage, wo dieses Durcheinander
hinführen soll?
Zwar ist die Einführung von
englischen Begriffen grundsätzlich
gut, fördert sie doch die
Geschicklichkeit des Sprechers und
ist sie in kreativer Hinsicht eine
Bereicherung, doch nützt dieser
positive Grundgedanke nichts, wenn
ein (Groß)Teil der Menschen nicht
weiß, was damit gemeint ist.
Der Trend scheint jedoch
unausweichlich, und deshalb müssen
wir uns wohl irgendwie damit
arrangieren. Doch jetzt, kurz vor
Weihnachten, sollte diese Sorge uns
nicht daran hindern, unser Auto von
Mitsubishi bei Esso vollzutanken, um
dann lebendig bei der Familie
anzukommen, wo dann unter dem
Tännschen happy Hello-Kitty-Taschen,
Laptops, Survival-Trainings und
Relax- Kurztrips ausgepackt werden.
Frohe Weihnachten!
Laura Renziehausen
|
|
Noch vor dem
Plusquamperfekt
Vor einiger Zeit
hatte ich mit meinen Eltern am Tisch
gesessen gehabt und hatte ihnen von
einem alten Bekannten erzählt
gehabt, den ich vor kurzem
wiedergesehen gehabt hatte.
Daraufhin sprach mich mein Vater auf
meinen doch etwas ungewöhnlichen
Satzbau an.
Da ich tatsächlich erst
einmal über den Fehler in diesem
Satz nachdenken musste, bemerkten
wir, dass diese Satzkonstruktion in
der gesprochenen Sprache gar nicht
mehr so ungewöhnlich ist. Man hatte
nicht mehr einfach nur etwas Schönes
gefunden, vielmehr hatte man es
gefunden gehabt. Normalerweise wird
das Plusquamperfekt („ich hatte
gefunden“) verwendet, um seinen
Gesprächspartner auf die vollendete
Vergangenheit hinzuweisen. Deshalb
könnte man nun bei dem Satz „ich
hatte ihn gefunden gehabt“ von einer
noch vollendeteren Vergangenheit
sprechen. Dinge, die man gemacht
gehabt hatte, müssen also noch vor
den Dingen, die man gemacht hatte,
passiert sein.
Doch woher kommt dieses
Vor-Plusquamperfekt überhaupt? Im
süddeutschen Dialekt ist das
Plusquamperfekt schon immer gemieden
geworden gewesen. Statt dieses zu
verwenden, haben die Süddeutschen
also einfach ein doppeltes Perfekt
benutzt gehabt. Das bedeutet, dass
im Süddeutschen aus „hatte“ ein
„habe gehabt“ wurde. Eine solch
elegante Art der Vergangenheit blieb
natürlich nicht nur im südlichen
Dialekt, sondern verbreitete sich
auch in der deutschen
Standardsprache. Man hörte immer
öfter Leute, die einen schönen Film
gesehen gehabt haben oder auch eine
Freundin getroffen gehabt haben.
Dabei durfte es allerdings nicht
bleiben. Das doppelte Perfekt konnte
ja in gewisser Weise noch als
halbwegs grammatikalisch korrekt
angesehen werden, da es als ein
Ersatz für die Vorvergangenheit
galt, also für das Plusquamperfekt.
Es musste also etwas Neues gefunden
werden: Jemand überlegte sich, dass
man ja versuchen könnte, das
doppelte Perfekt mit dem
Plusquamperfekt zu verbinden. So
entstand also die
„Vor-Vorvergangenheit“, die
sämtlichen grammatikalischen Regeln
widerspricht und somit einen großen
Erfolg bei den deutschen Bürgern
hat.
Nun wäre es jedoch wohl
langweilig, wenn es bei dieser
Zeitform bliebe. Vielmehr sollten
die kreativen Sprachverbesserer
versuchen, möglichst schnell eine
neue Zeitform zu finden, die die
Macht an sich reißen kann. Man darf
sich also auch nicht mehr wundern,
wenn in Zukunft so viele Zeitformen
gefunden geworden sein gewesen
werden, dass so mancher Deutscher
die guten, alten Grammatikregeln gar
nicht mehr kennt.
Anne Nack
Genitiv? Wem
seine Idee war denn das?!
„Deutsche Sprache, schwere
Sprache“. Dem Deutschen seine
Grammatik ist in der Tat alles
andere als einfach. Sicherlich gibt
es niemanden, dem nicht schon einmal
während einem lockeren Gespräch ohne
es zu merken, ein Fehler unterlaufen
ist. Es ist ja schließlich noch kein
Meister vom Himmel gefallen.
Jedoch meinen viele Leute, man
müsse auf eine korrekte Sprache
achten. Besonders häufig würden
Fehler bei den verschiedenen Kasus
(!) (man merkt, dass die Römer es
auch nicht leicht hatten) gemacht.
Oft geschieht das bei einem
sogenannten „Genitiv“ oder auch „Wesfall“. Als ob man nicht schon
genug Probleme hätte! Trotz vielen
Kritikern vom Wandel von der
Deutschen Sprache sollte man diese
Entwicklung als Tatsache hinnehmen
und nicht unnötige Konflikte
erzeugen. Schließlich braucht man
den zweiten Fall wegen den vielen
Schwierigkeiten, die er bereitet,
überhaupt nicht! Der Genitiv
erschwert die Kommunikation nämlich
erheblich! Da gibt es beispielsweise
diese äußerst komplizierte
Geschichte mit dem Genitiv-s. Der
Duden schreibt diesbezüglich vor,
ein -s oder -es an das Substantiv
anzuhängen. Muss das denn nun wieder
sein? Da könnte man sich doch
einfach einem Dativ bedienen,
anstatt Grammatikbücher wälzen zu
müssen.
Oder diese Sache mit dem
merkwürdigen Apostroph bei
bestimmten Genitiven. Auch hier gibt
es wieder komplizierte und
verwirrende Richtlinien. Laut dem
Duden seine Regeln ist es erlaubt,
den Namen „Andrea“ in „Andrea‘s
Nagelstudio“ mit Apostroph zu
schreiben, obwohl „Andrea“ weder mit
-s noch mit -ss, noch mit -ß, noch
mit -tz, noch mit
-z, noch mit -x
endet. Spätestens jetzt müsste auch
der Letzte angesichts von dieser
Vorgabe aus dem Konzept gebracht
worden sein. Wem seine Sprache wird
denn bitte dadurch erleichtert?!
Also: Weg mit dem Genitiv! Oder wem
sein Standpunkt konnte infolge
diesem Artikel noch nicht ins rechte
Licht gerückt werden?
Die Einsparung vom Genitiv würden
wohl auch viele Redakteure von
Regionalzeitungen befürworten, da
sie dann noch weniger als bisher auf
Fehler achten müssten.
Dennis Wipperich
|

|
|